Cadillac & Chevy

Cadillac ATS-V

vor risiken und Nebenwirkungen wird gewarnt

Beginnen wir diesen Test mit einem Warnhinweis: Die Begegnung mit zweisitzigen Luxus-Sport-Coupes kann ungeahnte Risiken bergen. Fast niemand braucht diese Autos wirklich, sie sind weder so praktisch wie ein Familienkombi, noch so wendig wie ein guter, zweisitziger Roadster und doch führen sie meist zu unkontrollierten „Will-haben“ Syndromen, verbunden mit plötzlicher Schwindsucht des eigenen Bankkontos und einem Risiko auf erhöhten Punktestand in Flensburg. 

 

Wenn ich nun aber doch einen Blick riskiere und dem Virus eben jener Fahrzeugklasse verfalle, stehe ich nimmer noch vor der Entscheidung, welcher Bolide es denn werden soll. BMW M4, Audi RS5 Coupe? Blöd nur, dass unsere Straßen voller Audis und BMW`s sind und was, wenn der dämliche Nachbar gar nicht erkennt, dass das hier keine billige Vertreterkutsche mit 150 PS Diesel ist, sondern das Topmodell, der jeweiligen Reihe mit jeder Menge Rennsportgenen? Hier kann der Cadillac ATS-V eventuell Abhilfe schaffen. Klar gibt es den Überflieger aus den USA auch als zivile Version mit wesentlich weniger Testosteron an Bord aber die Wahrscheinlichkeit, dass der garstige Nachbar auch nur im entferntesten eine Ahnung davon hat, ist sehr gering. Denn der ATS gehört definitiv zu den Zulassungszwergen in Deutschland. So habe ich im Internet gelesen, dass die gesammelte ATS Familie auf exakt eine (in Zahlen: 1) Zulassung im November 2016 gekommen ist. Der Exotenstatus ist also schon mal garantiert und verrenkte Hälse neugieriger Passanten gibt es sozusagen serienmäßig dazu. 

 

Erstkontakt

Der seit 2012 erhältliche ATS entspricht dem aktuell kantigen Cadillac Design. Das kann man mögen oder nicht, in jedem Fall hebt es sich von den meisten anderen Autos ab und das ist für mich in der Welt des automobilen Einerleis mit garantierter Langeweile schon einmal ein ganz dickes Plus. Mein aktueller Testwagen hat gerade gute 2000 Kilometer auf der Uhr, kommt in sommerlich passendem Crystal White Tricoat (also in einem hübschen weiß) und mit jeder Menge schickem Karbon, welches im Sport-Aerodynamik Paket enthalten ist. Frontspiltter, Heckdiffusor und Belüftungsöffnungen in der Motorhaube bilden deshalb einen schönen Kontrast und ein Heckspoiler reckt sich keck in die Höhe. Das Ganze wirkt wie ein typisches Miami Vice Fahrzeug aus dem neuen Jahrtausend, also ziemlich cool, wenn ihr mich fragt. Nur fettere Alus in schwarz wären noch schön gewesen. Aber sonst - Begeisterung. 

 

Schöner Wohnen 

Ich steige ein und die wie immer schicken Recaros, die in diesem Fall sogar über Karbon Akzente verfügen, nehmen mich willig in Empfang. Die Sitzposition ist für mich perfekt, die Mischung aus Optik, Komfort und Sportlichkeit des Gestühls ebenfalls. Passend dazu wirkt das ganze Interieur wie aus einem Guss unter Verwendung guter Materialien. Haptik, Optik, alles zusammen ist eines Beifalls würdig. Cadillac nennt das im Prospekt ein Cockpit für Anspruchsvolle und ich würde das heute sofort unterschreiben. Natürlich kommt ein Fahrzeug dieser Preisklasse mit allen möglichen technischen Helferlein und Goodies wie z.B.: Head-up Display, Navigation, Bose-Sound, Sitzheizung, 16-fach elektrisch verstellbare Sitze, Multifunktionslenkrad, zahllose Assistenten von Spurhalte- bis Toter-Winkel. Als Bonus piept die Einparkhilfe nicht nur sondern lässt auch den Fahrersitz vibrieren wenn man sich einem Hindernis nähert. Ich selbst bin für solcherlei Krimskrams nur mäßig zu begeistern, denke allerdings dass der heutige Premiumkunde genau dies von einem solchen Fahrzeug erwartet. Also vermutlich alles richtig gemacht und das erklärt dann auch die knappen 1700 kg Leergewicht. Zeit den Startknopf zu drücken. 

 

Auf der Straße

Der 3,6 Liter Bi-Turbo springt unauffällig an und ich stelle ihn gleich von Tour auf Sport. Die Klappen im Auspuff öffnen sich und ich röchle mit gefälligen Brummeln vom Hof. Während die 8-Gang Automatik die Gänge stressfrei sortiert beginnt meine Reise durch Dörfer und über Landstraßen und hier sind wir bei dem Punkt, weshalb genau solche Autos süchtig machen können. Du weißt, du sitzt in einem Rennwagen, aber er kann das alles so gut weg dämpfen und lässt dich in aller Ruhe mit offnen Fenstern die Hauptstraße entlang cruisen, dass du genau die richtige Mischung aus cooler Entspannung und Freude über das „was möglich wäre“ empfindest. Dabei sitzt du nicht eingequetscht wie in einem richtigen Sportwagen, sondern gemütlich, während dein Arm lässig aus dem Fenster in der Frühlingssonne baumelt. Das „was kostet die Welt Gefühl“ in solchen Momenten - unbezahlbar. Kommen wir aber weg von der Schwärmerei zur puren Fahrdynamik. In einigen Rennstreckentests wurde der Cadillac von der Konkurrenz geschlagen, aber so what? Reales Leben wird nicht in ein paar Zehntel eingeteilt, es findet vielmehr auf der Straße statt und der ATS-V kann mehr, als die meisten von uns je auf einer Straße erleben werden. Das Magnetic-Ride Fahrwerk klebt die ganze Fuhre so gut auf die Straße, dass man auch auf kurvigen Landstraßen nicht ins Schwitzen kommt. Brembo Bremsen mit 6 Kolben vorne und 4 Kolben hinten sorgen dafür, dass man zeitig wieder zum stehen kommt und die ganzen 470 PS lasse ich bei meiner Ausfahrt auf die Autobahn einmal kurz von der Leine. Direkt von der Einfahrt auf die linke Spur, das Auspuff röhrt, ich durchbreche die 200 km/h Marke nur einen Augenblick später. Weder die 3,9 Sekunden vom 0-100km/h kann ich ausprobieren, noch die 304 km/h Spitzengeschwindigkeit, dafür ist einfach zu viel los. Das Röhren weicht langsam einem Turbopfeifen und bei knappen 250 bremsen mich diese pseudoeiligen Vertreterkutschen aus dem deutschen Süden, die immer glauben, die linke Spur würde ihnen gehören, leider aus. Ich lasse es gut sein und verlasse die Autobahn wieder um in aller Ruhe die Landstraße unsicher zu machen. 

 

Mein persönliches Resümee

Das ATS-V Coupe kostet 72.500 Euro Grundpreis. Die Aufpreisliste ist kurz aber nicht ganz günstig. Mit Navipaket und Sportpaket dürfte mein Testwagen etwas über 80.000 neu gekostet haben. Fast neu gibt es ihn tagesaktuell beim Autohaus Steppe in Horgau. Garantie bis 2019 serienmäßig an Bord. Abschließend muss ich sagen, ja, es hat mich erwischt. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich mit diesem Auto glücklich wäre. Platz für zwei (die Rücksitze sind eher erweiterte Ladezonen), ein passabler Kofferraum für den Ausflug nach Sylt am Wochenende (295 Liter), jede Menge Komfort (man wird ja nicht jünger) und trotzdem mehr Sportsgeist wie vermutlich 99 Prozent der anderen Autos auf der Straße (ich werde halt niemals erwachsen) sind doch eine recht verlockende Mischung. Fehlen mir nur noch 62.900 Euro zum Glück, für diese Summe könnt ihr meinen Testwagen nämlich jetzt erwerben. 

Text: Andreas Leffler Bilder: Andreas Leffler


Corvette Museum & Fabrik in Bowling Green, Kentucky. Bericht für AP Sportfahrwerke. 



Das Buch zur Reise quer durch die USA
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