Mitsubishi

Mitsubishi Lancer Evolution X

Bestes Auto trifft schlechte umstände

Wer heute zum Mitsubishihändler geht, die übrigens zumindest bei uns in der Gegend gar nicht mehr so einfach zu finden sind, der sucht vermutlich ein praktisches Auto mit Stauraum, eine gute Ökobilanz oder eine von A nach B Kutsche zum günstigen Preis. Doch es ist noch gar nicht so lange her, als es noch richtige Helden beim Mitsubishi Händler zu finden gab. Mitsubishi 3000GT, die Konkurrenz für deutsches Sportwagenblech aus Zuffenhausen mit Allradantrieb und Allradlenkung, der Eclipse ein bezahlbares Sportcoupe mit fantastischem Design und nicht zuletzt der Lancer Evo, den man ab 1992 kaufen konnte. Heute sprechen wir über den vielleicht Letzten seiner Art, den Lancer Evolution X. Mein persönliches Herocar!

 

Ich habe in meinem Leben einige Hundert Autos getestet, gefahren und auch ein paar Dutzend besessen. Eines dieser Fahrzeuge war der Evo X und immer wenn mich die Menschen fragen, was mein Lieblingsauto war, unter all diesen Boliden, dann sage ich - es war ein Mitsubishi. Das führt zumeist zu ungläubigen Staunen und dann beginnt die Geschichte, so wie sie hier beginnt: Eines Tages sehe ich einen Evo X bei einem Straßenhändler stehen und denke mir - der sieht aber ganz schön mutig aus, für eine Mittelklasselimousine aus dem fernen Osten. Da mein Vertrauen in Fähnchenhändler nicht ganz so groß ist, suche ich mir einen Evo-Fachmann und stelle meinen BMW 645 bei ihm ab, während ich mit dem Evo eine Runde drehe. Diese Runde hat alles, was ich über die Physik des Autofahrens zu wissen glaubte auf den Kopf gestellt. 

 

Etwa zwei Monate später war der BMW Geschichte und ein schwarzer Evo X stand bei mir in der Garage. Der X wurde von 2009 bis 2016 gebaut und als GSR „Handschalter“ oder als „MR“ mit Doppelkupplungsgetriebe verkauft. Letzterer war voll gepackt mit coolen Extras wie Xenon, Navigationssystem, 10GB Musikdatenbank, einer 710 Watt Rockford Fosgate Audioanlage mit fettem, serienmäßigen Subwoofer im Kofferraum, Recaro Sportsitzen und vielem mehr. Aber das Wichtigste: Brembo Bremsanlage, geschmiedete 18 Zoll BBS Felgen, Bilstein-Fahrwerk mit Eibachfedern, Allradantrieb und einem aktiven Mittendiffernenzial sowie einem elektrohydraulischen Hinterachsdifferential. Gewürzt mit einer Portion japanischer Feenmagie ergab diese Mischung das beste Auto, das ich je gefahren habe. 

 

Doch gehen wir nochmals einen Schritt zurück: Als ich noch den BMW gefahren habe, blieben regelmäßig Menschen vor dem Auto stehen und haben ihn ehrfürchtig betrachtet. Väter haben ihn ihren Kindern gezeigt, Frauen magnetisierten sich fast von selbst und junge Männer sahen ihren Traum in Blech. Als der BMW dem Evo wich, änderte sich das. In den knapp zwei Jahren, als ich ihn besessen habe, hat sich exakt ein Kind an einer Tankstelle für den Wagen interessiert. Der Kleine kannte den Evo aus einem Computerspiel. Ein japanischer Mittelklassewagen mit fetter Frittentheke zieht offensichtlich weder Frauen an, noch begeistert er Väter. Vielleicht liegt es einfach daran, dass den Wagen fast niemand kennt und selbst die, die ihn kennen, haben meist keine Ahnung. 

 

Zu jeder Zeit war ich also bei einem Autoevent eines großen europäischen Autoherstellers zu Gast. Wir Presseleute saßen nach einem erlebnisreichen Tag beim Abendessen und bereiteten uns mit allerlei Autogeschichten auf den Rennstreckenbesuch am nächsten Tag vor. Eine Geschichte ging so: Letztens habe ich den Evo zum testen bekommen und habe mich unglaublich gefreut. Dann habe ich ihn gefahren und war total enttäuscht, ich weiß überhaupt nicht was daran besonders sein soll. Ein anderer stimmte ein. Am nächsten Tag auf der Rennstrecke stellte ich schnell fest, weshalb sie den Evo nicht verstanden haben, schlicht und ergreifend weil sie keine Ahnung von Autofahren hatten. Und selbst in der Tuningszene, wo es so viele selbst ernannte JDM Experten gibt hört man immer wieder: Der Evo X ist scheiße, der 9er ist besser und wenn den X, dann aber den Handschalter. Bleibt die Frage, wieviele der sogenannten Experten schon einen Evo besessen oder auch nur gefahren haben, geschweige denn einen 9ner und einen 10ner?! Das bringt mich zum wichtigsten Punkt dieses Artikels: Der Evo ist das vielleicht am meisten missverstandene Auto. 

 

Steigen wir also ein. Man sitzt irgendwie zu hoch. Der Rückfahrpieper ist keine Einparkhilfe sondern nur ein nerviges Piepsgeräusch, welches das versammelte Umfeld warnt, dass hier jemand rückwärts herum rangiert. Im „Normal“ Modus spricht der Wagen an wie so ein durchschnittlicher Mittelklassesportler halt anspricht wobei der Evo selbst bei gemäßigter Fahrweise Benzin weg raucht, wie ein Kettenraucher seine drei Schachteln am Tag. So weit, so freudlos. Doch dann knipst man den Modus von Sport auf Supersport, sucht sich eine leere und kurvige Landstraße und die gar nicht mal so üppig anmutenden 295 PS entfachen in Verbindung mit den ganzen Differentialen, dem Allrad, der Gewichtsverteilung, dem Fahrwerk ein Feuerwerk der guten Laune, wie ich es noch nie erlebt habe. Edelblech aus Süddeutschland, Supersportwagen aus Italien oder auch ein Motorrad, auf einer kurvigen Landstraße alles nur Opfer für den Evo. Du erreichst hier eine Querbeschleunigung, die dich weit in den Bereich des „sofortigen Führerscheinentzugs“ katapultier und der Evo will das. Er ist kein sanfter Gleiter, dafür ist er zu rau und zu ruppig. Der Evo will hart geritten werden und das musst du ihm geben. Eine solche Tour in dem Auto und du bist ihm verfallen wie einer unanständigen Geliebten, von der du weißt, dass sie dein Leben kompliziert machen wird. 

 

Denn der Evo kostet dich genau so viel wie die Geliebte. Unter 11 Liter Super-Plus konnte ich ihn selbst bei gemäßigtster Fahrweise nicht bringen, 13 Liter schaffst du eigentlich immer und wenn du eine wilde Nacht mit ihm hast, dann ist der lächerlich kleine 55 Liter Tank im Handumdrehen verdampft. Dazu hätte er gerne alle 6 Monate einen Ölwechsel, die Bremsen leiden natürlich auch unter der artgerechten Bewegung und als dickes Ende kommt die Versicherung. Nach ca. 20 Jahre unfallfreiem Fahren hat mir die Versicherung immer noch etwa 2000 Euro/Jahr für ein bisschen Evo-Spaß abgeknöpft. So hat es mich schließlich erwischt und unsere Wege haben sich getrennt, denn ich konnte mir die Liebe nicht mehr leisten. 

 

Dennoch, ich bereue keinen Autoverkauf mehr als diesen. Auf der Autobahn laut bis mäßig unterhaltsam, in der Stadt unübersichtlich bis durstig aber einmal Rennstrecke oder Landstraße und du hast all das vergessen. Noch besser wird es im Winter. Wahlschalter von Asphalt auf Schnee und es ist völlig egal welcher Blizzard um dich herum tobt: Der Evo geht los wie von der Tarantel gestochen, während die Familienpapas neben an noch dabei sind ihre pseudo-Gelände SUV`s auszugraben. 

 

Einer der letzten automobilen Helden, herrlich unvernünftig und auch nicht perfekt aber in seiner Welt der absolute Herrscher über Kurven und Eis. Jeder der euch erzählt, der Evo wäre „scheiße“ beweist damit nur, dass er ihn nicht verstanden hat und jeder der einen besitzt, ist zu beneiden, zumindest von mir. Ach je, jetzt habe ich es wieder, das Fieber. Vielleicht riskier ich es doch noch einmal. So eine unanständige Geliebte hat ja auch etwas!

Text: Andreas Leffler, Bilder: Andreas Leffler

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