Zuffenhausener Edelblech

Riding Betty

Der Porsche 928 S4

Viele von euch erinnern sich sicher an den Artikel „Redbettys Brexit“ in unserer Schrauberkolumne. Zwei Jahre hat der liebe Fabian also jetzt an seiner „Betty“, einem Porsche 928 S4 herum geschraubt, um aus einem verbastelten Schrotthaufen von der Insel einen fahrbaren und im besten Fall auch langstreckentauglichen, zeitgenössischen Sportwagen zu bauen. Heute ist er endlich gekommen der D-Day, der Tag an dem ich Betty fahren darf. Grund genug für diesen Artikel über den Porsche 928, den Umgang mit Klassikern und natürlich Betty. 

 

Der Porsche 928 

Man kann es sich heute kaum vorstellen, aber zu Beginn der 80er Jahre gab es bei Porsche den Plan, den in die Jahre gekommenen 911 mit dem 928 abzulösen. Dies kann man heute vermutlich als eine der größeren Fehleinschätzungen der Firmengesichte bezeichnen. Aber nachher ist man ja immer schlauer als vorher. Der 911 galt damals als ausgesprochener Sportler für Fahrkönner, die das übersteuernde Geschoss im Zaum halten konnten, der 928 hingegen war moderner und konnte vieles besser und war damit auch sogleich in den Augen vieler Enthusiasten langweiliger. Komfortabler Reisewagen mit Langstreckenkomfort gegen scharf gebürstete Rennsemmel. Nun, wie das Duell ausging, wissen wir ja inzwischen. Dennoch war dem 928 ein langes Leben beschieden, wurde er doch von 1977 bis 1995 produziert. Der V8 und das Transaxlegetriebe (Motor vorne, Getriebe an der Hinterachse) des Autos sind inzwischen Legende und nach einigen Jahren im tristen Vergessen geht es aktuell bergauf mit den Preisen des 928. 

 

Meine Porsche Geschichte

Meine persönliche Porsche Geschichte beginnt mit einem blauen Spielzeug 928 und dem Wissen, dass eben jener 928 ob seinem großen Hubraum und seiner hohen PS Zahl eine gute Karte im Autoquartett in der Grundschule war. Leisten aber konnten sich solche Autos damals, in einer Zeit ohne Leasing und Finanzierung, nur die Superreichen, Firmenbosse, Zahnärzte und manchmal auch der freundliche Zuhälter von nebenan. So dauerte es etwa bis ich 20 war und meine erste Porsche „real-life“ Erfahrung hatte. Ein Freund besass einen abgerockten 924 und ich durfte ihn einmal einen Tag fahren. Abgerockt hin oder her, dem Sekretärinnenporsche Charme zu Trotz, an diesem Tag wusste ich, in all dem Autoeinerlei da draussen gibt es mindestens eine Marke, die für immer strahlen wird. Eine Marke, bei der Sportwagen drauf steht und auch Sportwagen drin ist. Selbst der alte 924 hatte ein besseres Fahrwerk, eine sportlichere Sitzposition und hing bissiger am Gas wie alles was ich damals sonst schon gefahren hatte. Nicht umsonst gibt es den geflügelten Satz: Porsche PS zählen doppelt. Und auch seit dem wurde ich nie von den Zuffenhausenern enttäuscht. Ja, ich gebe zu, ich bin kein Fan von Geländeporsches und dicken Panameras und deswegen habe ich mich denen auch stets verweigert. Aber wenn es um Sportwagen geht, egal ob Boxster oder 911, bin ich stets mit einem breiten Grinsen und dem dringenden Wunsch mir einen zu kaufen ausgestiegen. Heute nun ist aber der Tag der Wahrheit. Der erste „alte Porsche“ seit vielen Jahren steht vor mir, Fabi, der Besitzer strahlt vor Stolz und ich bin ein wenig nervös - nervös weil Betty mein erster 928 ist und nervös weil Betty ja Engländerin ist und das Steuer auf der falschen Seite hat. 

 

Betty, ein 928 S4

„Der 928 ist ein Diamant, der durch einen Feinschliff noch viel mehr strahlen wird“, lauteten wohl damals die Worte des Porsche-Entwicklungsvorstands zum S4. Von eben diesem Feinschliff gab es damals schon jede Menge, als der S4 im Jahr 1987 eingeführt wurde, war der 928 doch bereits 10 Jahre auf dem Markt. Bessere Cw Werte, ein auf 320 PS erstarkter Motor und viele andere Goodies führten u.a. zu 5,9 Sekunden von 0-100 km/h und 265-270 km/h Spitzengeschwindigkeit. All dies kam auch Betty (Baujahr 1988) zu Gute und dies beinhaltete auch die 4-Gang Automatik, die der S4 im Laufe der Folgezeit als Standart bekommen sollte und die somit seinen Ruf als komfortable Reiselimousine fest zementierte. 

 

Der 928 S4 auf der Straße

Ich steige auf der rechten Seite ein, seltsames Gefühl. Mein erster Rechtslenker. Immerhin Automatik, das dürfte das Ganze vereinfachen. Die Sitze sind immer noch gut und passen mir wie immer bei Porsche perfekt. Die weissen Teppiche, die Fabi „Pimp-Daddy-Style“ nennt traut man sich kaum betreten und nach einer kleinen Drehung mit dem Schlüssel, Porsche untypisch, rechts vom Lenkrad, springt Betty sofort an. Brabbelnder V8 Sound. Die Amerikaner müssen diesen Wagen geliebt haben. Ich stelle mir vor es ist 1988 und neben mir steht die damals aktuelle Corvette C4 an der Ampel. Mit ihren bescheidenen 245 PS wird sie zum leichten Opfer und Betty und ich fliegen davon. Ansonsten passen beide Fahrzeuge perfekt zum american Way of Drive. Cruisen und reisen ist definitiv die Stärke von Betty und auch heute, nur wenige Monate vor der möglichen H-Zulassung drängt sie sich mir sofort als Reisewagen auf und ich könnte mir ohne Probleme vorstellen, mit ihr noch heute 1000 Kilometer an die Nordsee hoch zu düsen. Das Soundsystem, von Fabi dezent und mit einfachen Mitteln überarbeitet, ist besser als das „Shaker“ in meinem 2013ner Mustang und viele andere „Quäktüten in modernen Autos“. Wenig Überraschend: Der 928 kann auch anders als gemütlich. Das zeitgenössische und damals optional zu bestellende Bilsteinfahrwerk klebt ihn ganz ordentlich auf die Straße. Drückt man beherzt auf das etwas zähe Gaspedal schießt Betty aus dem nächsten Kreisverkehr heraus und man bekommt eine kleine Idee vom Autofahren mit Autos und nicht mit Computern. Auf der Straße halten dich die überlegene Bauweise eines guten Sportwagen und deine Fahrkünste und nicht eine Armee von elektronischen Helfern. Das schmale Lenkrad gibt dir Rückmeldung über alles was so zwischen dir und der Straße passiert und nichts wird weg gedämpft und verfälscht. Früher mag der 928 im Vergleich zum 911 ein Auto für Geschäftsleute und reiche Hausfrauen gewesen sein, statt ein Racer für Adrenalinjunkies, aber heute ist der Wagen ein richtiges Auto für richtige Fahrer, da merkt man erst wie unsagbar langweilig unsere automobile Welt geworden ist. 

 

Alt gegen neu

Neue Autos können alles besser. Das ist die Lehre, die wir aus jedem Fahrzeugprospekt ziehen. Schneller, sparsamer, sicherer, komfortabler. Die Eier-legende-Wollmilchsau. Jeder zweite Kindergartentransporter wird heute als „Sport-“ und „Abenteuer-“ Mobil angepriesen, Musclecars sollen zwar immer noch schön laut sein aber dürfen umweltkorrekt gerne mit Turbotröte und bitte ohne Extravaganzen ausgeliefert werden, Sportwägen mit 600 PS sollen auch für die 18jährigen Söhnchen überprivilegierter Millionäre beherrschbar bleiben und am Ende ist es doch am Wichtigsten, dass mein Wagen 30 PS mehr hat als das Vorgängermodell und laut Prospekt angeblich auch noch zwei Liter weniger verbraucht. Betty verbraucht im Normalbetrieb ca. 14 Liter auf 100 Kilometer. Das ist in der heutigen Zeit nicht wenig. Andererseits reden wir über einen dicken V8 Motor, der auch heute, in seinen modernsten Interpretationen keineswegs nur mit Luft und Liebe läuft. Die Frage ist ja auch, ist es nicht umweltverträglicher ein 30 Jahre altes Auto weiter zu benutzen und zu erhalten, als sich alle drei Jahre ein Neues zu holen, welches ja auch erst einmal produziert werden muss? Ich jedenfalls ziehe meinen Hut vor Menschen wie Fabi, die solche wunderbaren Fahrzeuge, die es so nie mehr geben wird, wieder zum Leben erwecken. Und nein - Betty braucht keinen lauteren Auspuff und sie muss auch nicht tiefer. Betty ist classy und nicht prollig und „Pimp-Daddy“ reicht im Teppichbereich - alles in allem - sie ist schon richtig so wie sie ist. 

Text: Andreas Leffler, Bilder: Andreas Leffler



Das Buch zur Reise quer durch die USA
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